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Geschichte, Therapieziele, Seminare: Was ist eigentlich Integrative Onkologie?

Veröffentlicht am 23.02.2016

Die Integrative Onkologie verbindet die Onkologie mit Verfahren einer evidenzbasierten Komplementärmedizin. Ziele sind in erster Linie die Linderung von Nebenwirkungen der onkologischen Behandlung und eine Verbesserung der Lebensqualität.

Des Weiteren sollen die Patienten befähigt werden, die Krebserkrankung besser zu bewältigen (Coping) und nachhaltige, individuelle Strategien für eine körperliche und seelische Kräftigung und eine gesündere Lebensweise zu entwickeln (Salutogenese).

Geschichte

Die Wurzeln der Integrativen Onkologie liegen in den USA, wo zwei Surveys des Harvard-Mediziners David Eisenberg aus den Jahren 1990 und 1997 zeigten, dass sich ein wachsender Anteil der Bevölkerung mit komplementärmedizinischen Verfahren behandeln ließ: 1997 waren es bereits 42 Prozent. Die wenigsten Patienten sprachen jedoch mit ihrem Arzt darüber.

Das führte unter anderem 1998 zur Gründung des National Center of Complimentary and Alternative Medicine (NCCAM) als Teil der Gesundheitsbehörde National Institute of Health (NIH), um die Forschung im Bereich Komplementärmedizin mit staatlicher Hilfe voranzutreiben.

Die American Urological Association war die erste onkologische Fachgesellschaft, die Ende der 90er Jahre eine komplementärmedizinische Arbeitsgruppe gründete, um der hohen Nachfrage der Patienten gerecht zu werden. Unter den Patienten mit Prostatakarzinom nahmen damals bis zu 80 Prozent komplementärmedizinische Verfahren in Anspruch.

1999 rief gefördert von Maurice Rockefeller das Memorial Sloan-Kettering Cancer Center eine der ersten Abteilungen für Integrative Onkologie ins Leben. Erste Direktorin war die Psychologin Barrie Cassileth, Gründungspräsidentin der „Society for Integrative Oncology“, die 2003 entstand.

In ihrem Mission Statement grenzt sich die multidisziplinäre Fachgesellschaft klar gegenüber den nicht überprüften Verfahren der „alternativen“ Medizin ab. Ziel sei es, komplementärmedizinische Forschung und klinische Praxis zu diskutieren und in der Onkologie zu implementieren. Zu diesem Zweck erscheinen 2007 die ersten integrativ-onkologischen Leitlinien (2009 überarbeitet und erweitert).

Inzwischen haben die meisten führende Krebskliniken in den USA Abteilungen für Integrative Onkologie gegründet, zum Beispiel das Leonard P. Zakim Center for Integrative Therapies an der Harvard Medical School in Boston, das Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York, das MD Anderson Cancer Center an der Universität Texas oder die Johns Hopkins Medical Institutions in Maryland.

In Deutschland interessieren sich nach Angaben der Deutsche Krebshilfe mehr als 70 Prozent der Krebspatienten für komplementärmedizinische Verfahren. Hier und in der Schweiz gibt es erste onkologische Abteilungen, die komplementärmedizinische Therapien in die Standard-Onkologie integrieren, zum Beispiel die anthroposophischen Kliniken Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, Berlin, die Filderklinik bei Stuttgart, das Kantonsspital St. Gallen, das Paracelsus-Spital im Kanton Zürich und das Centrum für Integrative Medizin und Krebstherapie in Öschelbronn.

Der Lehrstuhl für Naturheilkunde und Integrative Medizin der Universität Duisburg-Essen bietet seit 2004  eine naturheilkundliche Sprechstunde für Brustkrebspatientinnen an der Universitätsfrauenklinik an (ein Kooperationsprojekt mit den Kliniken Essen-Mitte).

Seit Januar 2010 existiert – nach dem Vorbild des Memorial Sloan-Kettering Cancer Centers – an den Kliniken Essen-Mitte eine Abteilung für Integrative Onkologie als Kooperation des Brustzentrums mit der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin. 2012 wurde auch die Gynäkologische Klinik einbezogen. An der Universitätsklinik Frankfurt gibt es integrative Ansätze am Centrum für Tumorerkrankungen (UCT), an der Universität Jena eine Ambulanz für Naturheilkunde und Integrative Onkologie. Integrative Onkologie wird auch am Interdisziplinären Brustzentrum der Technischen Universität München praktiziert.

Seit Herbst 2011 existiert eine Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Krebsgesellschaft für „Prävention und Integrative Onkologie“. Das Deutsche Cochrane Zentrum hat eine Arbeitsgruppe Biologische Krebsmedizin am Klinikum Nürnberg.

Im Oktober 2011 fand in Berlin ein von der Robert Bosch Stiftung geförderter „Consensus  Workshop“ zur Integrativen Onkologie statt, an der sowohl Vertreter der verschiedensten naturheilkundlichen Fachrichtungen und Traditionen als auch unterschiedlicher onkologischer Organisationen (AGO, Deutsche Krebsgesellschaft) Einigkeit über die Notwendigkeit und die Inhalte einer naturheilkundlichen Fortbildung für Onkologen erzielten.

Die Deutsche Gesellschaft für Naturheilkunde hat außerdem 2012 ein Leitlinien-Office gegründet, um komplementärmedizinische Verfahren im Sinne der Integrativen Onkologie in onkologische Leitlinien einzubringen.

Von 2012 bis 2015 fördert die Deutsche Krebshilfe den Aufbau eines deutschlandweiten, multidisziplinären Kompetenznetzes „Komplementärmedizin in der Onkologie – KOKON" als versorgungsnahes Verbundforschungsprojekt. Unter der Leitung der Onkologie des Klinikums Nürnberg sind daran die Charité Berlin, die Universitätskliniken Hamburg Eppendorf, München und Rostock, die Universitäten Frankfurt und Greifswald, das Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg, die Kliniken Essen-Mitte und Fürth, die Medizinische Hochschule Hannover sowie die Klinik für Tumorbiologie in Freiburg beteiligt.

KOKON soll eine Analyse des Bedarfes an Information seitens onkologischer Patienten, der behandelnden Ärzte, des Pflegepersonals und von Fachberatern vornehmen, Fortbildungskonzepte für Fachleute und Schulungsprogramme für Krebsselbsthilfegruppen entwickeln, ein ärztliches Fachberatungsangebot für Patienten an onkologischen Zentren etablieren, eine Wissensdatenbank zu Interaktionen, Nebenwirkungen und zur Evidenz komplementärmedizinischer Behandlungsverfahren aufbauen sowie eine zentrale Informationsplattform zum Thema Komplementärmedizin in der Onkologie entwickeln.

Behandlungsformen

In der integrativen Onkologie kommen ergänzend und in Abstimmung mit der onkologischen Therapie komplementärmedizinische Verfahren zum Einsatz, die

• aus der klassischen Naturheilkunde

• der rationalen Phytotherapie

• der anthroposophischen Medizin

• der Homöopathie

• der Traditionellen Chinesischen Medizin 

• und der Ordnungstherapie bzw. der Mind-Body-Medizin stammen

und deren Wirksamkeit durch Studien belegt ist.

Gemeinsam mit den Patienten werden innerhalb eines multiprofessionellen Teams Strategien erarbeitet, die mit Hilfe dieser Therapien das individuelle gesundheitsfördernde Potential ausloten und zu fördern suchen (Salutogenese).

Therapieziele

Linderung von Nebenwirkungen: Ein wichtiger Schwerpunkt der Integrativen Onkologie liegt auf der Linderung von Nebenwirkungen der onkologischen Therapie. Zum Teil können die Therapien als Selbsthilfestrategien von den Patienten selbst ausgeübt werden. Ziele sind unter anderem:

• Hilfe bei Übelkeit und Erbrechen

• Minderung klimakterischer Beschwerden bei antihormoneller Behandlung, z.B. durch     Cimicifugaextrakten, Akupunktur oder gruppentherapeutische Intervention mit Meditationen und Atemübungen

• Minderung der chronischen Müdigkeit (Fatigue)

• Minderung von Schleimhautveränderungen und Mundtrockenheit

• Minderung von Nagelveränderungen

• Minderung von Durchfall oder Verstopfung

• Minderung von Hand-Fuß-Syndrom sowie Neuropathie

• Linderung von Schmerz

Verbesserung der Lebensqualität

Bei Schlaflosigkeit, aber auch gegen Angst und Depression helfen neben Akupunktur, Phytotherapie und Bewegung vor allem Verfahren der Mind-Body-Medizin, allen voran die Mindfulness-Based Stress Reduction (achtsamkeitsbasierte Stressreduktion), sowie Meditation, Yoga, Qigong und Taiji. Positive Einflüsse auf die Lebensqualität von Brustkrebspatientinnen zeigt auch die Misteltherapie.

Änderungen des Lebensstils

Vor allem Ordnungstherapie und Mind-Body-Medizin zielen auf langfristige und nachhaltige Lebensstilveränderung und Selbstfürsorge im Sinne der Stärkung des gesundheitsfördernden Potentials der Patienten ab.

Nebenwirkungen

Insgesamt sind die Nebenwirkungen evidenzbasierter komplementärmedizinischer Verfahren gering. Zu beachten sind bei allen Medikamenten mögliche Wechselwirkungen zwischen pflanzlichen Wirkstoffen und Cytochrom P450-Enzymen sowie P-Glykoproteinen, die Transportfunktionen erfüllen und Einfluss auf den Metabolismus haben.

Cytochrom P450 3A4 ist der Hauptschutzmechanismus im Dünndarm und verantwortlich für den so genannten „first pass effect“. Diesen Hauptmetabolisierungsweg für viele Medikamente gehen die in der Chemotherapie eingesetzten Aromatasehemmer Lapatinib und Tamoxifen, aber zum Beispiel auch das natürliche Antidepressivum Johanniskraut.

Bei vielen Heilkräutern aber auch synthetischen Medikamenten kann es deshalb zu unerwünschten Wechselwirkungen mit Chemo- oder Radiotherapie kommen: Cyp-Hemmer bedingen, dass deren Wirkung ansteigt, dann aber auch die Nebenwirkungen schwerer werden. Cyp-Induktoren sorgen hingegen dafür, dass Substrate schneller abgebaut werden, das kann potentiell sogar ein Therapieversagen auslösen.

Forschung

Forschung im Bereich Integrativer Medizin bzw. Integrativer Onkologie erfolgt in Deutschland und der Schweiz an universitären Lehrstühlen für Komplementärmedizin und/oder Integrative Medizin. Dazu zählen:

• an der Charité Berlin die Professur für Komplementärmedizin am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie (Prof. Dr. med. Claudia M. Witt, MBA); die Professur für klinische Naturheilkunde am Immanuel-Krankenhaus Berlin-Wannsee (Prof. Dr. med. Andreas Michalsen); die Kneipp Stiftungsprofessur für Naturheilkunde und Stellv. Leitung Projektbereich Komplementärmedizin – CHAMP Ambulanz (Prof. Dr. med. Benno Brinkhaus), eine Arbeitsgruppe Integrative Medizin in der Pädiatrischen Onkologie

• an der Universität Bern die Kollegiale Instanz für Komplementärmedizin (Dr. Stephan Baumgartner, Dr. Klaus von Ammon)

• an der Universität Duisburg-Essen der Lehrstuhl für Naturheilkunde (Prof. Dr. med. Gustav J. Dobos, Prof. Dr. med. Jost Langhorst)

• an der Universität Frankfurt die Abteilung Komplementäre Onkologie am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen (UCT) (Dr. med. Jutta Hübner)

•  an der Universität Köln das Institut zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren (Prof. Dr. Josef Beuth)

• an der Technischen Universität München die Professur für Naturheilkunde und Komplementärmedizin am Klinikum rechts der Isar (Prof. Dr. med. Dieter Melchart)

• an der Universität Rostock Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin in Rostock  (Prof. Dr. med. Karin Kraft)

• an der Universität Witten/Herdecke der Lehrstuhl für Medizintheorie, Integrative  und Anthroposophische Medizin (Prof. Dr. med. Peter Heusser); die Professur für Forschungsmethoden und Informationssysteme in der Komplementärmedizin (Prof. Dr. Thomas Ostermann); die Professur für Lebensqualität, Spiritualität und Coping (Prof. Dr. Arndt Büssing)

• an der Universität Zürich das Institut für Naturheilkunde

Die Kliniken der Anthroposophischen Medizin haben sich zu einem „Netzwerk Onkologie“ zusammengeschlossen, in dem auf der Basis einer Tumorbasisdokumentation Krankengeschichten interpretiert und ausgewertet werden.[

Stationäre Behandlung/Fachambulanzen (Integrative Onkologie)

• Essen: Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin/Senologie-Zentrum der Kliniken Essen-Mitte

• Frankfurt: Abteilung Komplementäre Onkologie am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen (UCT)

• Hamburg: Ambulanz Chinesische Medizin am Jerusalem-Krankenhaus (Mammazentrum)

• Herdecke: Komplementäre Onkologie im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke (http://www.gemeinschaftskrankenhaus.de/index.php5?page=412&lang=0)

• Jena: Fachambulanz für Naturheilkunde in der Onkologie an der Friedrich Schiller Universität

• Kassel/Bad Wilhelmshöhe: Habichtswaldklinik (http://www.1-onkologie.de/)

• Öschelbronn: Centrum für Integrative Medizin (http://www.gemeinschaftskrankenhaus.de/index.php5?page=412&lang=0)

• St. Gallen: Kantonsspital (http://www.onkologie.kssg.ch/home/integrative_onkologie.html)

• Stuttgart (Filderstadt): Zentrum für Integrative Onkologie der Filderklinik (http://filderklinik.integrative-onkologie-stuttgart.de/)

Literatur

* Cassileth BR, et al.: Integrative Oncology. Complementary Therapies in Cancer Care. BC Decker Inc., Hamilton, London 2005.

* Dobos G, Kümmel S: Gemeinsam gegen Krebs. Naturheilkunde und Onkologie. Zs München 2011.

* Hübner J:  Komplementäre Onkologie. Supportive Maßnahmen und evidenzbasierte Empfehlungen. Schattauer F.K. Verlag GmbH, Stuttgart 2009.

* Pfeifer B, Preiß J, Unger C: Onkologie integrativ: Konventionelle und Komplementäre Therapie. Urban&Fischer/Elsevier, München 2006.

* Servant-Schreiber D: Das Antikrebs-Buch. Was uns schützt. Vorbeugen und nachsorgen mit natürlichen Mitteln. Kunstmann Verlag, München 2008.

Quelle

Lehrstuhl für Naturheilkunde und Integrative Medizin

Universität Duisburg/Essen

31.01.2016

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